Mein israelischer Blick auf Deutschland
Ich glaube, dass es nur wenige Jahre in den deutsch-israelischen Beziehungen gab, in denen beide Seiten gleichermaßen der Überzeugung waren, einen geglückten Neuanfang geschafft zu haben. Es war die Zeit zwischen der Vorphase des 6-Tage-Kriegs 1967 (in der auch die DIG gegründet wurde) und dem Ausbruch des Yom-Kippur-Kriegs 1973. Die Jahre davor waren geprägt vom israelischen Misstrauen den Deutschen gegenüber, die Jahre danach von der wachsenden deutschen Enttäuschung, dass Israel der Rolle des David und der eigenen Idealvorstellung des Judenstaates nicht mehr entsprechen wollte.
Dabei schien ein Bild Israels als Vorlage zu dienen, welches Israel selbst propagiert hatte und das von deutscher Seite mit Enthusiasmus verinnerlicht worden war: wie Phönix aus der Asche war der Staat aus der Katastrophe erwachsen, hatte eine solidarische und gerechte Gesellschaft geschaffen, Wüste urbar gemacht, sich heldenhaft gegen eine arabische Übermacht zur Wehr gesetzt und letztendlich ein ordentliches Stück Europa im Nahen Osten etabliert. Und zur großen Freude sprachen viele der Protagonisten makelloses, wenn auch angestaubtes Deutsch.
Da diese mit berechtigtem Stolz gern gerade Gästen aus Deutschland ihre alt-neue Heimat und die Errungenschaften ihrer Menschen näher bringen wollten, ergab sich eine merkwürdig anmutende Kumpanei: wir zeigen Euch, was Ihr sehen wollt und Ihr sagt uns, was wir hören wollen. Heute nehme ich eine Verkehrung wahr: Ihr seht nur, was wir eigentlich nicht zeigen wollten, wir hören nur, was ihr eigentlich nicht sagen wolltet.
Damals traf sich deutsches und israelisches Interesse: Beide wollten in jener Phase nur wenig von der jüngsten Vergangenheit wissen: Weit wichtiger war es, das Bild des neuen Deutschen bei uns, des neuen Juden bei Euch, des anderen Deutschland hier, der Errungenschaften des Judenstaates dort zu vermitteln. Beide Seiten wollten um alles in der Welt wieder geliebt, oder zumindest geachtet werden. Für die einen war der Liebes- oder Achtungsentzug Ergebnis des Täterseins, für die anderen des 2000jährigen Opferseins. Insofern handelte es sich in den ersten Jahren – und teilweise noch bis heute – weniger um einen wirklichen Dialog, sondern mehr um zwei kanonisierende Monologe. Die nationale Scham der einen vervollständigte den nationalen Stolz der anderen und umgekehrt.
Heute begegnen Israelis Deutschen offener, als umgekehrt, weil sie ihnen im Normalfall „nur“ Vergangenes entgegenhalten, sich aber dessen bewusst sind, dass es keine persönliche Verantwortung der Nachgeborenen gibt. Deutsche hingegen sind auch einzelnen Israelis gegenüber zunehmend distanzierter, weil sie ihnen kollektive Verantwortung für Gegenwärtiges aufbürden. Das ist deshalb fatal, weil durch das israelische Zugehen bei gleichzeitigem deutschen Zurückweichen die Distanz gleichbleibt oder sogar größer wird.
Siedlungspolitik, Siedlergewalt, Gazakrieg und Rechtspopulismus dort, BDS, unnachvollziehbare Abstimmungen in der UNO, antiisraelische Hasstiraden auf deutschen Straßen und antisemitische Vorfälle hier: Immer wieder gab und gibt es Belastungen der Beziehungen. Gemeinsam ist allen Fällen, dass beide Seiten dem Idealbild, das sie von sich verbreitet hatten, immer seltener entsprechen können. Die fortschreitende Entzauberung auf deutscher, die Bestätigung alter Ängste auf israelischer Seite hatten mittelfristig auch einen positiven Effekt: Die Ernüchterung, dass Israel nicht mehr nur eine hora-tanzende, khaki-tragende F1-Generation mit sozialistischem Touch bei 30 Grad im Schatten ist, sondern eine komplexe, multikulturelle Gesellschaft mit sozioökonomischen Klüften, kulturellen Problemen, Fehlern und Zukunftsängsten, hat das, was an Freundschaft und Empathie Bestand behielt, verlässlicher und krisenfester gemacht.
Und die ehrliche innerdeutsche Auseinandersetzung mit Fragen der Integration und dem Umgang mit Minderheiten, mit Gendergerechtigkeit und immer wieder mit der Shoah hat den Israelis gezeigt, dass eine offene, mutig geführte Diskussion oft wichtiger ist, als die trügerische Sicherheit, ohnehin alle richtigen Antworten zu haben.
Es scheint, als stünden beide Seiten ununterbrochen auf dem Prüfstand des anderen: Deutschland muss den Israelis beweisen, dass es unumstößlich zum Judenstaat steht, nach allem, was war. Tut es das vermeintlich auch nur ansatzweise nicht, dann hat man es ja immer gewusst. Und Israel muss sich dem deutschen Schuldbekenntnis würdig erweisen. Tut es das nicht, kann die eigene Schuld so groß nicht gewesen sein. Beide Pathologien machen deutlich, dass auch 80 Jahre nach Kriegsende und 60 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen die deutsch-jüdische Katastrophe die Sicht aufeinander und damit das Verhältnis zueinander maßgeblich mitbestimmt. Unserem Auseinanderdriften kann nur entgegengewirkt werden, wenn beide Seiten sich immer wieder vor Augen führen, dass unser So-Anderssein Ergebnis der gleichen Katastrophe in unserer beider Historie ist, beide Schlussfolgerungen nachvollziehbar, legitim und in sich schlüssig sind.
So drängt sich die Frage auf, ob die Vergangenheit eine Zukunft hat.
Ich bin davon überzeugt, dass die Shoah das formative Ereignis und die maßgebliche Koordinate eigenen Selbstverständnisses im Verhältnis von Deutschen und Israelis zueinander ist und bleibt. Ich bin davon überzeugt, dass die partikularistisch jüdischen, wie die universalistischen Lehren aus der Shoah eine bedeutende Triebkraft zur Gestaltung der Zukunft beider Gesellschaften und ihres Miteinanders sind. Man sagt, Frauen treten in der Hoffnung vor den Altar, dass ihre Männer sich mit der Zeit ändern, während Männer sich beim Jawort heimlich wünschen, ihre Frauen mögen für immer so bleiben, wie an diesem Tag. Vor 60 Jahren war es zwischen Deutschland und Israel wohl ähnlich: Deutsche hofften, dass Israel sich nie ändern würde, und Israelis hegten den innigen Wunsch, dass Deutschland es täte. Es scheint, dass beide Wünsche nicht wirklich in Erfüllung gehen konnten, wie im richtigen Leben. Ist das ein Scheidungsgrund? Hoffentlich nicht, aber Hauptsache, es wird was aus den Kindern.
