Zwischen Geschichtsbewusstsein und Unwissenheit

50 Jahre nach Kriegsende und 30 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen reiste Israels Staatspräsident Ezer Weizman im Januar 1996 zum Staatsbesuch nach Deutschland. Höhepunkt war eine Rede im Bundestag, in der Weizmann den Bogen der Jahrtausende alten Geschichte Israels bis heute spannte: „Erst 200 Generationen sind vergangen, seit ein Mensch namens Abraham aufstand, sein Land und seine Heimat zu verlassen und in ein Land zu ziehen, das heute mein Land ist. Erst 200 Generationen sind vergangen, seit Abraham die Machpelah-Höhle in der Stadt Hebron kaufte, bis zu den schweren Konflikten, die sich dort in meiner Generation abspielten. Erst 150 Generationen sind seit der Feuersäule des Auszugs aus Ägypten bis zu den Rauchsäulen der Shoah vergangen. Und ich, Nachkomme Abrahams im Lande Abrahams, war überall mit dabei.“


Weizmanns geschichtsmetaphysische Rede stand in krassem Gegensatz zu Tendenzen des Vergessens im vereinten Deutschland. Eine Befragung unter 3.000 Hamburger Schülerinnen und Schülern hatte kurz vorher ergeben, dass 59 Prozent Israel für eine „Monarchie“ oder eine „Militärdiktatur“ hielten. Nach einer Umfrage des Emnid-Instituts vermochte 1997 jeder fünfte Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren mit „Auschwitz“ nichts anzufangen.


Bundespräsident Johannes Rau sprach im Februar 2000 als erster deutscher Politiker im israelischen Parlament zu den Abgeordneten in deutscher Sprache – eine Entscheidung der israelischen Seite, die nicht unumstritten war. „Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben, für mich und meine Generation, um unserer Kinder und Kindeskinder willen, deren Zukunft ich an der Seite der Kinder Israels sehen möchte.“ Parlamentspräsident Avraham Burg bezeichnete Rau als „größten Freund Israels“.